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Raubritter
Man muss es nur so lange wiederholen bis es alle glauben:

„In Deutschland sind die Lohnnebenkosten zu hoch !“

Aus dieser Behauptung wird messerscharf geschlossen: Wären sie nicht so hoch, dann ginge es mit der deutschen Wirtschaft wieder aufwärts, dann wäre Deutschland rund um die Welt wieder konkurrenzfähig. Deshalb müssen:

  • die Rentenversicherungsbeiträge stabil gehalten werden oder sinken,
    d.h. die Altersrenten müssen gekürzt werden,
  • die Beiträge zur gesetzlichen Krankenkasse müssen verringert werden,
    d.h. die Leistungen werden verschlechtert und die Eigenbeteiligung wird erhöht.
Man sollte nichts ungeprüft übernehmen. Deshalb wollen wir uns die Lohnnebenkosten einmal an einem Beispiel genauer unter die Lupe nehmen.

Ein Arbeitnehmer erhält Brutto 10 EUR/Stunde (Ihn interessiert eigentlich nur das Netto!). Für die Rentenversicherung und die Krankenkasse müssen ca. 40% abgeführt werden, die Hälfte davon zahlt der Arbeitgeber, dem Arbeitnehmer bleiben also noch 80%, also 8 EUR. (Hinterher werden ihm noch Steuern und vieles andere abgezogen).

Für den Arbeitgeber sieht die Rechnung anders aus. Er muss zu den 10 EUR noch 20% (Lohnnebenkosten) drauflegen. Ihn kostet die Arbeitsstunde also 12 EUR. Ihn interessiert nur dieses Brutto, d.h. die Gesamtlohnkosten, die er in seine Kalkulation einstellen muss.

Ich kenne keinen Arbeitgeber, dem die Gesamtlohnkosten nicht zu hoch sind. Er führt ins Feld, wären sie niedriger, wäre er konkurrenzfähiger, könnte seinen Betrieb erweitern, könnte neue Arbeitsplätze schaffen usw. usw.

Letzteres ist nicht grundsätzlich falsch. Bis hierher würde ich Ihm zustimmen.
Ohne weiter nachzudenken stimmen auch die Politiker aller Parteien in diesen Chor ein: „Die Lohnnebenkosten müssen runter!“

Um welchen Prozentsatz, darüber streiten sie sich auf allen Ebenen. In diesen Tagen währen sie schon glücklich, wenn die Lohnnebenkosten stabil gehalten werden könnten. Die Gesundheitsreform bringt nämlich auch keine Verringerung der Kosten.

Ich will in meinem Beispiel aber mit 4% Einsparung rechnen, um den Unsinn dieser Lohnnebenkostendebatte zu veranschaulichen, obwohl ich mir bewusst bin, dass diese Reduzierung zu einem Zusammenbruch unserer Sozialsysteme führen würde.

In diesem Fall müsste der Arbeitnehmer in unserem Beispiel nur mehr 18% Sozialversicherungsbeiträge abführen, ihm blieben noch 8,20 EUR also 20 Cent mehr als bisher in der Tasche. Auch der Arbeitgeber würde sparen. Auch er müsste nur 18% drauflegen. Seine Lohnkosten (Lohnkosten plus Lohnnebenkosten) würden nur mehr 11,80 EUR statt 12 EUR betragen.

Dass der Arbeitgeber mit der Einsparung dieser 20 Cent die internationale Konkurrenz nicht aufrollen wird, sieht jeder.

Warum dann das Geschrei?

Damit ist aber meine Rechnung noch nicht am Ende. Unser Arbeitnehmer hat bei der letzten Lohnerhöhung 4% herausgehandelt (tatsächliche Lohnerhöhung 2003) und erhält jetzt einen Stundenlohn von 10,40 EUR. Bei 20% Sozialversicherungsbeitrag verbleiben ihm mit den um 4% abgesenkten Lohnnebenkosten 8,53 EUR, also 53 Cent mehr.

Für den Arbeitgeber sind die Lohnkosten bei nur 18% Lohnnebenkosten auf 12,27 EUR gestiegen.

Selbst nach dieser radikalen Einsparung bei den Sozialleistungen würden für ihn die Lohnkosten aufgrund der Lohnerhöhung noch um 27 Gent steigen. Eine einzige Lohnerhöhung kostet ihn also mehr, als ihm die dauerhafte Absenkung seines Anteils an den Sozialversicherungsbeiträgen um 4% einbringt: Die Lohnerhöhung schlägt also viel stärker zu Buche, als die Sozialversicherungsbeiträge, die auf Dauer abgesenkt werden sollen.

Hingegen muss der Arbeitnehmer aber die Verschlechterungen auffangen, die sich aus dem Sozialabbau ergeben und dazu reichen ihm die 53 Cent, die er nach der Lohnerhöhung und der Absenkung seines Sozialversicherungsanteils in der Tasche hat mit Sicherheit nicht aus.

Ich höre schon die Arbeitgeber im Chor: die Lohnsteigerungen 2003 seien mit 4% viel zu hoch gewesen! Gegenfrage: Wer ist für diese Lohnsteigerungen verantwortlich? Die Arbeitgeber, die sie den Gewerkschaften eingeräumt haben und auch als tragbar bezeichneten. Sonst niemand! Die Erhöhung der Lohnnebenkosten zur Finanzierung des Sozialsystems treiben sie aber angeblich in den Ruin!

Die Lohnkosten sind in Deutschland zu hoch, das mag durchaus sein. Wir vergessen zu leicht, dass wir uns in einem vereinten Europa mit einer einzigen Währung nicht mehr mit Wechselkursänderung der Mark durchmogeln können und jeden Griff in die Kasse mit Arbeitsplatzverlusten bezahlen müssen.

Aber es ist unredlich diese Entwicklung den Lohnebenkosten zuzuschieben und mit einem drastischen Abbau der Sozialstandards ausgleichen zu wollen. Es soll doch nur von der eigenen Verantwortung abgelenkt werden. Dabei ist mein Beispiel mit 4% Absenkung viel zu hoch gegriffen. Wenn ich mit einer realistischen Absenkung von 1% rechne, sieht es für Arbeitgeber und Arbeitnehmer trotz sozialem Kahlschlag viel schlechter aus.

Infam dabei scheint mir, dass sich die Arbeitgeber bei der Lohnerhöhung mit den Gewerkschaften auseinandersetzen und sich dann einigen, gleichzeitig über den Weg des Gesetzgebers ihre Zugeständnisse durch Sozialabbau wieder hereinholen wollen.

Das, was bei einer einzigen Lohnerhöhung nach Meinung der Arbeitgeber zu viel zugestanden wurde, durch eine Verschlechterung der Sozialstandards auf Dauer wieder einzusparen und dazu den Gesetzgeber zu Hilfe zu nehmen, bezeichne ich als Raubrittertum.

Franz Akstaller


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